Implizite Bürger\*innentheorien

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Implicit Citizenship Theories sind implizite Vorstellungen über typische oder ideale Eigenschaften von Bürger*innen, die auf unterschiedlichen Abstraktionsstufen Einstellungen und Verhalten beeinflussen. Sie sind damit keine wissenschaftlichen Theorien, sondern Alltags- oder Laientheorien, die kognitiven Aufwand reduzieren und schnelles Handeln und Entscheiden trotz andernfalls überwältigender Informationsfülle und -komplexität ermöglichen. In solchen kognitiven Schemata sind zum Beispiel Annahmen über Bürger*innen in ihren Rollen als Leistungsempfänger*innen (hilfsbedürftig, unselbständig, bemitleidenswert), als Steuerzahler*innen (trickreich, geldgierig, unsolidarisch) oder als Aktivist*innen (engagiert, mutig, rebellisch) organisiert. Implizite Bürger*innentheorien haben im öffentlichen Sektor eine besondere Salienz, weil Verwaltungsbeschäftigte jeden Tag Entscheidungen treffen, die unmittelbare Auswirkungen auf Bürger*innen haben. Dabei besitzen die Entscheidungsträger trotz eines umfassenden Regelwerks oftmals einen großen Entscheidungsspielraum. Welche Rolle darin Prozesse der kognitiven Kategorisierung von Bürger*innen spielen, ist in der Public Management-Forschung bisher nur ansatzweise erforscht. Das Forschungsvorhaben hat daher das Ziel, Implicit Citizenship Theories inhaltlich und strukturell zu erfassen und ihre Bedingungen und Folgen für administratives Handeln und Entscheiden aufzuzeigen.

Leitend sind folgende Forschungsfragen:

  1. Welche impliziten Theorien über Bürger*innen haben Beschäftigte im öffentlichen Sektor und welche Valenz haben die entsprechenden Prototypen?
  2. In welche übergeordnete Struktur sind implizite Theorien über Bürger*innen eingebettet und wie unterscheiden sie sich zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen des öffentlichen Sektors sowie in Abhängigkeit von Tätigkeits- und soziodemographischen Merkmalen?
  3. Wie beeinflussen implizite Theorien über Bürger*innen das Entscheidungsverhalten von Mitgliedern öffentlicher Organisationen?

Das Forschungsvorhaben gliedert sich in vier Module: Im ersten Modul werden theoretische Grundlagen erarbeitet, wofür wir sowohl Vorläufer in der Verwaltungsforschung als auch Parallelen in benachbarten Disziplinen fruchtbar machen. Das zweite Modul ist explorativ angelegt und kombiniert teilstrukturierte Interviews mit einem offenen Online-Fragebogen, um Attribute zu extrahieren, die Verwaltungsbeschäftigte Bürger*innen insbesondere in kritischen Interaktionssituationen zuschreiben. Das dritte Modul verwendet diese Attribute zur faktoranalytischen Bestimmung der Struktur impliziter Bürger*innentheorien in einer großzahligen Befragung mit beschleunigtem Antwortverfahren. Im vierten Modul werden zwei Conjoint-Experimente in unterschiedlichen Verwaltungssphären durchgeführt, um die Entscheidungsrelevanz impliziter Bürger*innentheorien zu untersuchen. Das Ergebnis des Forschungsvorhabens ist ein neuer Forschungsansatz im Public Management.

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Dominik Vogel
Juniorprofessor für Public Management

Ich bin Juniorprofessor für Public Management an der Universität Hamburg. In meiner Forschung befasse ich mich damit, was Beschäftigte des öffentlichen Sektors motiviert, wie Führung im öffentlichen Sektor gelingen kann, wie Bürgerinnen und Bürger mit der Verwaltung interagieren sowie mit dem Performance Management öffentlicher Organisationen.